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Vorgestellt: Kunsthof Bahnitz in "Refugien
im Osten"

Wer
zum Kunsthof Bahnitz gelangen will, muss die Fähre nehmen.
Und wenn die sachte über die Havel gleitet, hat man Zeit,
sich umzuschauen. Ein Meer gelber Seerosen blüht im Wasser.
Fisch- reiher stehen in den Wiesen. Einmal angekommen, bleibt
man länger, denn es ist schön in Bahnitz. Ein schmaler
Waldweg führt zum Kunsthof. Die Tür steht offen. Das Herz
des Hauses ist die Bibliothek, die von den Eigentümern und
den Gästen gleicher- maßen gern genutzt wird. Die Hausherrin
serviert Tee, der Hausherr raucht eine Zigarette am Kamin.
Zeit, sich auszutauschen. Eigent- lich wollte Melodie
Ebner-Joerges ihre Zelte in Amsterdam aufschlagen.
Doch
erschwinglichen Wohnraum und vor allem genügend Platz für
die Künstlerin gab es nirgends. So zog sie weiter nach
Berlin und lernte dort ihren Mann kennen. Da auch der
Sozialwissenschaftler damals nur in einer kleinen Wohnung
lebte, zog das Paar wiederum in eine größere Wohnung um. Als
die saniert wurde, veränderten sich das Paar erneut, um
wiederum festzustellen: „Es ist einfach zu klein, um zu
malen.“ Im brandenburgischen Bahnitz fanden die Beiden
schließlich das ultimative Zuhause. Ein alter Gasthof stand
im kleinen Ort zum Verkauf. Dazu gehörte auch ein großer
Saal, in dem einst Dorffeste gefeiert wurden. Gerade
richtig, um ein Atelier darin einzurichten. So entschlossen
sich die Eigentümer, das Gasthaus um- und auszubauen,
Gästezimmer zu schaffen und eine Malschule auf dem flachen
Land zu gründen. Heute trifft sich in Bahnitz
kunstinteressiertes Publikum aus ganz Deutschland. „Kreativ
ist Jeder“, ist die Malerin sicher. In Bahnitz lehrt sie
Anderen das Malen, kann aber auch selbst tief eintauchen ins
künstlerische Schaffen. Monet und seine Gartenlandschaften
inspirieren die 48-Jährige besonders. Es kann Jahre dauern
bis eines der Bilder fertig gestellt ist. Meist arbeitet sie
parallel an mehreren zugleich. Nein, so schön ist es sonst
nirgendwo, schwärmt Melodie Ebner-Joerges. Flaches Land,
Sonnenuntergänge und eine Weite, in dem der Mensch ganz
klein wird und die Natur genießt. Ganz besonders liebt die
Malerin aber das Weihnachtsfest. Große Tannebäume stehen
dann im Saal, alles ist festlich geschmückt. Künstler und
Leute aus dem Dorf kommen zum Künstlerdinner zusammen. Und
damit es das ganze Jahr über so romantisch bleibt, lässt
Melodie Ebner-Joerges ihre kleinen Glitzerlämpchen dann das
ganze Jahr über in den Bäumen hängen.
Auszug aus dem Prolog des
Romans "Die Steinsammlerin"
Lange hatte sie wie selbstverständlich zum Bild der Stadt
gehört. Mit einem langen weiten Kleid, flachen Stiefeletten
an den Füßen, einem Schlapphut mit Krempe und einem Rucksack
auf dem Rücken schien die Frau mit dem dichten Stadtgedränge
zu verschmelzen. Ständig lächelte sie und zeigte dabei zwei
für ihr Alter ungewöhnlich makellose Reihen kleiner weißer
Zähne. Unter dem Arm hielt die hagere Frau stets einen
Packen Zeitungen, die sie den ganzen Tag über unermüdlich
austrug, wobei es vorkommen konnte, dass sie sich unter die
Gäste eines Restaurants mischte oder einen der
vorübereilenden Passanten anlächelte, um eines der frisch
gedruckten Exemplare anzubieten. Stets begegnete man der
Frau, die zwar grauhaarig, aber ohne ein bestimmtes Alter zu
sein schien, mit Respekt. Zu entrückt schien sie der
Gegenwart, zu ungewöhnlich mutete ihre Kleidung an. Wovon
sie tatsächlich lebte und ob der Verkauf auf der Straße ihr
Auskommen absicherte, wusste keiner zu sagen. Und es machte
sich wohl auch niemand Gedanken darüber.
Obwohl sie schon
fast jeder gesehen haben mochte, wusste niemand, ob sie
Freunde oder Familie hatte. Ein paar Mal hatten neugierige
Journalisten auf der Jagd nach einer besonderen
Lebensgeschichte über sie geschrieben. Dann hieß es meist,
dass sie früher einem ganz normalen Beruf nachgegangen sei
und nach einem Schicksalsschlag ihr Leben verändert habe.
Welcher Art dieser gewesen sein mochte, hatte aber niemand
herausbekommen können. Außerdem schien ihr Äußeres, so
bescheiden es anmutete, wenig Anlass zur Sorge zu geben.
Immer dann, wenn sie ein gutes Geschäft gemacht hatte,
lächelte sie glücklich und nestelte an ihrem Säckchen,
welches sie an einem Band am Gürtel bei sich trug, um ein
Tuch mit kleinen bunten Kieseln zu Tage zu fördern. Einfache
Steinchen, wie sie jeder wohl selbst am Wegesrand finden
kann. Wenn sie auf ihrem Weg in eine der Kneipen ging,
schüttete sie die Steine auf den Tisch und erklärte, dass es
sich um besondere handele, die sie auf ihren Streifzügen
durch das Land gefunden habe. Sie war weit herumgekommen auf
ihren Reisen. Jeder Stein, so versicherte sie, könne einen
ganz wichtigen Wunsch erfüllen. Welcher das sei, könne der
Betreffende selber fühlen, sobald er den Kiesel in seine
Hand nehme und diese fest um ihn schließe. Dabei müsse man
sich nur ein ganz klein wenig konzentrieren, die Wirkung sei
aber noch immer eingetreten, solange sie mit ihren
Wunschsteinen unterwegs gewesen sei. . .
Machte sie sich schließlich auf den Heimweg, so ließ sie die
dicht bebauten Straßen der Stadt hinter sich, um die
Richtung zu einem nahe gelegenen Dorf einzuschlagen. Ihre
Schritte wurden dann ausladender, die Bewegungen weicher, so
dass ihr Schatten in der nahenden Dämmerung einer großen
Katze glich, die entlang der staubigen Straßen ihren Heimweg
suchte. Am eigenen Tor angekommen, drückte sie auf die grobe
eiserne Klinke, um den Weg zu ihrer Haustür zu gehen, fast
lautlos und ohne Licht, nur einmal mit einem kurzen Knacken
den Schlüssel im Schloss drehend, um sogleich hinter der
kleinen Holztür zu verschwinden. Im Inneren roch es nach
Äpfeln und ein wenig nach altem Mauerwerk. Elektrisches
Licht gab es nicht. Die Frau entzündete ein paar Kerzen,
setzte den Kessel auf den Ofen, um schließlich mit einem
Seufzer in ihrem großen, grünen Ohrensessel zu versinken.
Wer sie dort sitzen sah im Schein des weichen dämmrigen
Lichtes, mochte sich wohl unbewusst an ein altes Gemälde
erinnert fühlen. Ringsum blieb es dunkel, ein Käuzchen
schrie heiser durch die Nacht, die Blätter der großen Birke
hinter dem Haus rauschten leise. Nur sie hinter dem kleinen,
beleuchteten Fenster war hier jetzt noch wach, trank ihre
Tasse Tee, las in einem Buch, schüttete kleine Steinchen auf
ihren Tisch, sortierte sie mit den Fingern, hielt sie hoch
und lächelte. .
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Auszug aus dem Rückblick
der Biografie "Ja, stark bin ich doch"
Endlich, er hat unterschrieben. Am 15. August 2002 hat mein
damaliger Chef meinen Altersteilzeitvertrag unterzeichnet.
Ich war euphorisch, 56 Jahre alt und konnte nun beruhigt in
die Zukunft sehen. Es war so schön und ich war glücklich.
Vom 1. September 2002 bis 31. Dezember 2004 war die
sogenannte Arbeitsphase, aber mit viel weniger Gehalt und
vom 1. Januar 2005 bis 30. April 2007 galt die
Freistellungsphase. Zu meinem 60. Geburtstag würde ich mit
18 Prozent Rentenabzug in den wohlverdienten Ruhestand gehen
können. Unsere zwei Kinder waren glücklich verheiratet und
jeder hatte seine eigene kleine Familie. Jetzt wollten wir
einmal an uns denken. Mein lieber Mann und ich waren uns
einig, dass wir optimistisch in die Zukunft sehen konnten,
zumal unser Häuschen schuldenfrei war. Mit der Rente würden
wir auch unser Leben und was wir uns noch alles so
vorgenommen hatten, meistern können. Mein Mann wollte nach
Möglichkeit ebenfalls vorzeitig in die Altersteilzeit gehen.
In dem Zeitraum, wo ich noch allein sein würde, sollte ich
mich an die Ruhe gewöhnen und auch gedanklich auf die schöne
Zukunft, die wir uns ausmalten, vorbereiten. Wir wollten
reisen, wandern, schöne Gegenden, die wir noch nicht
kannten, ansehen und uns einfach am Leben ohne Hast, Druck
und Stress erfreuen. Wir waren schon viele Jahre verheiratet
und immer noch froh, dass wir uns hatten. Wie anders sollte
aber alles werden!
Anmerkung: Sigrid Bauer verstarb im
vergangenen Jahr. Ihre guten Gedanken,
Bewältigungsstrategien und wertvollen Erfahrungen beim
Umgang mit der Krankheit leben jedoch fort. Unterstützt wird
das Buchprojekt im Sinne Betroffener und interessierter
Leser weiterhin von Ihrer Familie.
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